Vier, fünf oder sechs Jahre Grundschule – was ist optimal? (Teil 1)

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Seit Jahren herrscht ein Streit darüber, in welchem Alter Schüler auf die weiterführende Schule wechseln sollten. Das bisher große Tabuthema in der deutschen Schulpolitik rückt zunehmend in den Vordergrund. Gründe für das neue Interesse sind der kontinuierliche Geburtenrückgang, die steigenden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt, das Abitur nach der Klassenstufe 12 sowie der steigende Wunsch der Eltern, bei der Schulgestaltung aktiven Einfluss nehmen zu können.

In unserer zweiteiligen Serie "Vier, fünf oder sechs Jahre Grundschule – was ist optimal?" gehen wir der Frage nach, wie lange die Grundschule dauern sollte. Diese Woche beleuchten wir die innerdeutschen Unterschiede und was gegen eine lange Grundschulzeit spricht.

Die Gestaltung der Grundschule in der Bundesrepublik

Deutschland und Österreich sind die einzigen Länder, die ihre Kinder bereits mit durchschnittlich zehn Jahren auf eine weiterführende Schule schicken. In allen anderen Ländern lernen die Schüler ein einem Klassenverbund zwischen sechs und neun Jahre zusammen, bevor es zu einer Trennung kommt.

Berlin und Brandenburg sind die einzigen Bundesländer, bei dem Grundschüler in der Regel sechs Jahre zusammen lernen. Bei allen anderen Bundesländern endet die Grundschule bereits nach der vierten Klasse. Das Saarland plant aktuell die Ausweitung der Grundschule auf fünf Jahre. Mecklenburg-Vorpommern geht einen Sonderweg. Alle Schüler besuchen in der Klassenstufe fünf und sechs eine schulformunabhängige Orientierungsstufe. Die weiterführende Schule startet offiziell ab der siebten Klasse.

Contra-Argument: Das Modell der sechsjährigen Grundschule ist gescheitert

Einige Bildungsforscher sind der Meinung, dass die sechsjährige Grundschule für die Schüler keine Vorteile mit sich bringt. Grundlegende Idee der sechsjährigen Grundschule sei, dass soziale Unterschiede abgebaut, ein Zusammenhaltgefühl dagegen aufgebaut sowie leistungsstärkere Schüler sich positiv auf die leistungsschwächeren Schüler auswirken, diese also "mitziehen".

Einige Bildungsforscher geben der sechsjährigen Grundschule jedoch eine Absage. Untersuchungen in Berlin zeigen, dass diejenigen Schüler, die das Gymnasium bereits ab der Klassenstufe fünf besuchen, einen ein- bis zweijährigen Lernvorsprung gegenüber ihren Mitschüler haben, die erst nach der sechsten Klasse von der Grundschule auf das Gymnasium wechseln. In Hinblick auf die Verkürzung des Abiturs von 13 auf 12 Jahre und dem daraus resultierenden Leistungsdruck, fühlen sich diese Bildungsforscher beunruhigt.

Vergleiche mit Ländern wie Finnland, bei denen die Schüler viel länger gemeinsam im gleichen Klassenverbund lernen, halten Bildungsforscher für nicht zielführend. Sie argumentieren damit, dass diese Länder eine bedeutend homogenere Schülerzusammensetzung besitzen als Deutschland. In Deutschland und besonders in Großstädten wie Berlin ist der Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund sehr hoch. Dies hat zur Konsequenz, dass Schüler mit unterschiedlichem sozialem und kulturellem Hintergrund im Klassenverbund zusammen lernen.