Funktionaler Analphabetismus in Deutschland

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Analphabetismus ist in Deutschland längst kein Nischenthema mehr. Auch wenn es schwierig ist, verlässliche Zahlen zu erheben (viele Betroffene geben sich nicht zu erkennen) sind die mittlerweile vorliegenden Zahlen zu groß, um das Thema zu bagatellisieren.
Nach einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2010 an erwerbsfähigen Erwachsenen gibt es in Deutschland ca. 2,3 Millionen Menschen, die nur einzelne Wörter schreiben und verstehend lesen können. Diese etwa 4% der deutschen Bevölkerung sind Analphabeten. Hinzu kommen noch 7,5 Millionen funktionelle Analphabeten in Deutschland. Diese ca. 14% der Bevölkerung können zwar einzelne Sätze schreiben und lesend ihren Sinn verstehen, jedoch nicht zusammenhängende kurze Texte wie etwa eine Arbeitsanweisung.
Ihre Zahl wurde bisher auf nur 4 Millionen geschätzt. Der Studie zufolge können 21 Millionen Menschen in Deutschland und damit knapp 40% der erwerbsfähigen Bevölkerung, gebräuchliche Wörter nicht korrekt schreiben.

Zum ersten Mal liegen damit wissenschaftlich fundierte Zahlen zum Ausmaß des Analphabetismus in Deutschland vor. Möglich gemacht wurde die Studie durch die Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung in Höhe von 1,3 Millionen Euro. Sie ist eine von vielen Maßnahmen der Bundesregierung in der von der UNESCO ausgerufenen Weltalphabetisierungsdekade (2003 bis 2012), die die weltweite Halbierung der Zahl der Analphabeten anstrebt und jedem Menschen eine Grundbildung ermöglichen will. So startete das BMBF bereits 2007 eine 30 Millionen Euro umfassende Förderinitiative zur Verbesserung des Forschungsstandes für die Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit mit Erwachsenen und verkündete zusammen mit der Kultusministerkonferenz im Dezember 2011 den Beginn einer nationalen Strategie zur Verringerung des funktionalen Analphabetismus in Deutschland. Mit ca. 20 Millionen Euro initiierte das BMBF daher ein Programm zur arbeitsplatzorientierten Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Alphabetisierung und Grundbildung.

Es sind alle gesellschaftlichen Gruppen aufgefordert, zusammen die Umsetzung des Ziels, weniger Analphabeten durch Maßnahmen und Prävention in Deutschland, zu ermöglichen. Denn das bedeutet, allen Menschen die Teilnahme am kulturellen und gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, wozu auch bessere Berufschancen zählen. Durch die Forschungsförderung des BMBFs ist es zum Beispiel gelungen, die Alphabetisierungsforschung als eigenes Forschungsgebiet zu etablieren.

Auf Länderebene gibt es bereits Grundbildungs- und Alphabetisierungskurse, die jährlich von etwa 45.000 Menschen besucht werden. Bei der Vorlese-Initiative der Stiftung Lesen, eines von vielen Alphabetisierungsprojekten, engagieren sich jährlich ca. 10.000 Freiwillige. Neuer Lesebotschafter der Stiftung ist der Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft, Philipp Lahm. Die Fähigkeit, Lesen und Schreiben zu können, ist die Voraussetzung für eine Grundbildung und ein darauf aufbauendes lebenslanges Lernen.